Eine Lanze für die öffentliche, digitale Persönlichkeit

Oder wie Google-Streetview und Facebook unseren Schamreflex reizen.

Derzeit geistert das Gespenst, die Angst vor „Google Streetview“, durch das Land. Davor war es die angeblich verbraucherschützende Ministerin Eigner, die die Panik vor der Datensau Facebook durch die Straßen des virtuellen Dorfes trieb. Was aber bringt die Menschen dazu, vor solch‘ sinnvollen Angeboten irrationale Ängste zu entwickeln?

Und dass die meisten Ängste jeglicher Grundlage entbehren, läßt sich an zahllosen stellen nachlesen. Ein Artikel dazu auf Bildblog.de Die schlechtesten Gründe gegen „Street View“ schafft erhellende Einblicke. Die Menschen glauben, wie bereits bei Google-Earth vor ein paar Jahren, dass man quasi „live“ jedes Haus und jeden Hinterhof im Blick hat, wenn man auf Google-Streetview geht. Das ist natürlich Unsinn, aber das Ergebnis extrem schlechter Berichterstattung und massiver Panikmache. Dass die Vorstellung, dass Google jederzeit, jeden Ort der Welt beobachten könnte, nicht komisch vorkommt, spricht gegen die Logik der in Panik versetzten. Und die Verbraucherschutzministerin gibt in diesem Zusammenhang eine nicht eben gute Figur ab. Sie, an vorderster Front, fordert den Schutz der Privatsphäre. Dass ich als Mensch mit dunklen Absichten ein Haus jederzeit aus dem öffentlichen Raum heraus legal beobachten kann, observieren quasi, wird schlicht unterschlagen. Und im Unterschied zu Streetview, erkenne ich im echten Leben vielleicht auch, ob die Bewohner da sind, wann und wie sie das Haus verlassen und wann sie wiederkehren. Informationen, die Streetview nicht bietet. Schade für den Einbrecher!

Aber es gibt auch intelligentere Gegner der virtuellen Stadtansichten. Zum Beispiel Telepolis: Google Street View: Eine politische Kampfansage. Hier wird argumentiert, dass das Persönlichkeitsrecht von Google missachtet wird. Ein nicht von der Hand zu weisendes Argument, das aber meines Erachtens nichts mit der grassierenden Panik zu tun hat.

Ich denke, viele Menschen haben mit der immer rascheren Verfügbarkeit von Information, in diesem Fall den Ansichten von Häusern und Straßen, ein Problem. Diese Angst zumindest scheint real und ist für mich auch nachvollziehbar. War es von Jahren schwierig, bis unmöglich sich von einem Ort, an dem man sich nicht befindet, ein Bild zu machen, kann man nun, mittels Google-Earth und Streetview einen von jedem Ort der Welt aus einen Eindruck erhalten. Zum Beispiel von einem Ferienhaus, das man mieten möchte, oder einem Hotel, in das man gehen will, oder aber um zu sehen, wo und wie weit entfernt lebende Freunde wohnen.

Dem entgegen stehen Ängste, etwa dass ich, als Subjekt, als Bewohner oder Eigentümer, mein Haus oder mein Abbild im Internet wiederfinden könnte. Sind wir ehrlich, so gut wie jeder, selbst wenn er nicht im Internet erscheinen will, ist es bereits. Und nicht wenige werden via Facebook Fotoalben oder Google Webalben namentlich durch Freunde und Bekannte kenntlich gemacht.

Ich stelle mir nun die Frage: Ist das nicht eine vollkommen normale Entwicklung? Wir sind heute doch wesentlich weiter! Wir leben in einer virtualisierten und globalisierten Welt! Das Virtuelle vermengt sich mit dem Realen und eben das bereitet uns Ängste. Fragt man Jugendliche, dann haben die Meisten solche Ängste nicht. Sie sind in einer immer virtuelleren Welt aufgewachsen und empfinden die genannten Nutzen als ausreichend, das Risiko einzugehen, dass jemand sie auf einem Bild in Google Streetview – oder wo auch sonst im Internet – wiedererkennt. Dazu muss er oder sie mich aber bereits kennen! Die nächste Evolutionsstufe wird dann jedoch sein, dass die Software die Menschen auf den Bildern alleine erkennt. Ob ich das noch für gut heiße, da habe ich meine Zweifel. Hier würde ich auch einen staatlichen Riegel, der vor solche Bemühungen geschoben würde, wünschen. Bis dahin, und so lange ich nichts zu verbergen habe, kann ich mit Streetview und allen ähnlichen Diensten, gut leben.

Das mit dem „zu verbergen“ scheint mir ein weiterer, wesentlicher Aspekt. Die Menschen meinen in vielen Fällen, sie müssten etwas verbergen. Ich bin anderer Ansicht. Warum sollte ich mich verstecken? Habe ich einen Grund dazu? Und wenn ja, warum? Ganz ehrlich, ich habe nichts zu verbergen – wie die weitaus Meisten. Daher denke ich, dass man das Bisschen Öffentlichkeit, das ich als gar nicht so wirklich öffentlich empfinde, durchaus erdulden kann.

Genug lamentiert. Ich hoffe, dass sich die Menschen an den Gedanken gewöhnen, dass wir in einer digitalisierten und virtualisierten Welt leben. Die Globalisierung haben wir auch überlebt, auch wenn sich manche immer noch gegen das Unvermeidliche wehren. (Gegen die Auswüchse der Globalisierung wehre ich mich jedoch ebenfalls – nicht, dass man mich da missversteht!)

Es lebe die öffentliche, digitale Persönlichkeit, die nun jeder von uns entwickelt muss, nicht nur Nerds wie ich. Viel Spaß dabei!

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