Was sowjetische Afgahnistan-Veteranen und die russischen Aktivitäten in der Ukraine miteinander gemein haben

1989 demonstrierten Afgahnistan-Veteranen in Leningrad für die Anerkennung ihrer Leistung. Leider war es für einen verlorenen Krieg und so gab es keine Anerkennung, weder vom Staat, noch von der Bevölkerung. Was das mit dem Krieg in der Ukraine zu tun haben könnte, erfahren Sie hier.

Aus dem Hier betrachtet

Zwei Tage nachdem in Pforzheim an die Zerstörung der Stadt im 2. Weltkrieg vor 77 Jahren gedacht wurde, versammelten sich am 25. Februar 2022 zirka 400 Menschen auf dem Leopoldsplatz in Pforzheim, die ihre Betroffenheit und ihre Wut über den Angriff Russlands auf die Ukraine, also den Bruch des Völkerrechtes, durch ihre Teilnahme zum Ausdruck bringen wollten. Dort sterben Menschen, Kinder verlieren Familienangehörige und werden zu Waisen, ein unsägliches Grauen wälzt sich über die Ukraine, ein Land in Europa, über eine Bevölkerung, die sich seit 30 Jahren immer weiter aus den Klauen der sowjetischen und post-sowjetischen Dominanz zu lösen versucht hat. Erinnerungen an die Schrecken des frühen 20 Jahrhunderts kommen nicht zufällig auf.

Was ist passiert?

Ein kleiner historischer Rückblick, aber zunächst eine persönliche Erfahrung.

1989 war ich zusammen mit meinem Freund Thorsten(✝) in Leningrad. Wir wollten das Land hinter dem Eisernen Vorhang kennenlernen und konnten erleben, wie die ersten kleinen Öffnungsschritte das verkrustete sowjetische System aufzubrechen begannen.

Wikimedia Leningrad 1987

Am meisten hat mich bewegt, wie wir am Ende eines Tages auf dem Platz vor der Eremitage auf dem Dach eines Imbisswagens saßen (gestaltet in Form einer amerikanischen Flagge!). Wir waren zwei von sehr wenigen Ausländern, denn damals steckte der Individualtourismus noch in den Kinderschuhen und war die absolute Ausnahme.

Die Eremitage – Der Winter Palast – Photo by zhushenje on pixabay.com

Um uns wogte eine heftige Auseinandersetzung von demonstrierenden Afghanistan Veteranen und Milizen, die verzweifelt versuchten, der Situation Herr zu werden. Einzeln wurden die blau-weiß geringelten und meist muskelbepackten Soldaten von vier bis gar sechs Milizionären gepackt und in kleine Fahrzeuge verschleppt und einzeln abtransportiert. Nicht selten schüttelten die Veteranen die Milizionäre dabei einfach ab. Die Zufahrtsstraßen waren gesperrt.

Gelegentlich starteten die Veteranen einen „Gegenangriff“ und drängten die Milizionäre vom Platz. Ich schätze es standen sich 300 – 400 Veteranen und sicher 1.500 – 2.000 Milizionäre gegenüber!

white concrete building under white sky
Alexander Säule vor der Eremitage – Photo by cottonbro on Pexels.com

Aber die Bevölkerung, die solcherlei nicht kannte, und es gewohnt war an Freitag Abend auf dem Platz zu flanieren, waren überall zwischen den Parteien. Es kam zu ungewohnten Szenen: Eine Familie mit mehreren kleinen Kindern gingen spazieren. Ihr Weg war von Demonstranten, die sich mit Milizionären auseinander setzten, versperrt. Da trennten sich die Streitparteien, ließen sie passieren um danach mit erheblicher Energie weiter aufeinander einzuschlagen.

Wir hatten Angst. Und wir waren fasziniert. Ich schätze, dass auf dem Platz weit mehr als 10.000 Menschen waren, denn der Platz ist riesig, und es war ein Meer aus Menschen. Und wir wussten nicht, wie wir den Platz verlassen sollten. Die täglichen Touristenbusse waren von dem Platz bereits gegen 17 Uhr abgefahren.

Es hatte ein großes Maß an Skurrilität, wie die Demonstration behandelt wurde. Offensichtlich fehlte allen Seiten die Erfahrung, wie man demonstriert, wie man mit diesen Demonstranten umgeht und wie die Öffentlichkeit dies wahrnimmt. Wir dachten uns klammheimlich, dass das Land noch viel lernen muss, auf dem Weg zur Demokratie.

reflection of the general staff building on the water surface
Platz vor der Eremitage – Photo by Илья Закиров on Pexels.com

Je weiter der Abend fortschritt, um so weniger Afghanistan Veteranen waren auf dem Platz. Sei es, weil sie abgeführt wurden, oder aber weil sie sich einfach den Weg frei kämpften. Am Ende, gegen 22 Uhr, waren wir fast die letzten verbliebenen Beobachter. Diejenigen, die uns begleiteten, brachten uns schließlich auch wieder unbeschadet zurück zu unserem Campingplatz.

Das alte, verkrustete Sowjet-Reich lag damals im Sterben und das war deutlich zu spüren.

Was will ich sagen?

Ich habe die Sowjet-Russen damals kennenlernen dürfen. Sie wussten nicht, was „Demonstrieren“ heißt, sie kannten keine demokratische Strukturen und sie hatten in den folgenden Jahren nur wenig Zeit, etwas davon kennenzulernen. Ja, es gab den Putsch gegen Gorbatschow und den Aufstand der Bevölkerung, der den Putsch aufhielt, aber darüber hinaus gab es wenig positive Erfahrungen, die die Russen mit der Demokratie sammeln konnten.

Sowjetische Infantrietuppen in Afgahnistan – Wikimedia

1979 war die Sowjetunion bereits am Ende, wusste davon aber noch nichts. Zumindest war es ein letzter Versuch, den Weltmacht-Anspruch zu erfüllen und die Unterstützung des bedrohten kommunistischen Regimes in Afghanistan zu erfüllen. Dieser Versuch scheiterte nach 10 Jahren an den Mudschahedin, die, unterstützt vom Westen, mit ihrer Guerillataktik das sowjetische Militär aufgerieben und zermürbten. Es war eine kaum enden wollende Katastrophe für alle beteiligten Seiten – vor allem für die Zivilbevölkerung!

Sowjetische Soldaten in Kabul – Wikimedia

Ich sehe gewisse Parallelen zu heute. Putin fühlt sich von allen Seiten von der Demokratie und in seinem Machtanspruch bedroht. Dem Land droht die Mittelmäßigkeit und Putin will beweisen, dass Russland einen Großmachtanspruch, vor allem an sich selbst, aber auch für Europa und die ganze Welt hat.

Der Angriff Russlands und die Besetzung der Ukraine können gleichfalls scheitern, hoffentlich schneller als damals. Denn die Soldaten, die in weiten Teilen gegen ihren Willen das Brudervolk einnehmen sollen, sind nicht so motiviert, das eigene Leben zu riskieren und die mutigen Ukrainer zu unterwerfen. Wobei man bedenken muss, dass auch den sowjetischen Soldaten in Afghanistan zunehmend mangelnde Motivation nachgesagt wurde.

2022 Russian invasion of Ukraine – invasion of Ukraine by Russia starting on 24 February 2022 – Wikimedia

Die Mächtigen in Russland, und darunter vor allem Wladimir Putin, nutzten den Mangel an demokratischer Erfahrung im eigenen Land und erdrosselten jede demokratische Regung. Große Teile der Bevölkerung wissen es nicht oder wollen das nicht wahrhaben. Sie ergeben sich und akzeptiert die zunehmende Einschränkungen ihrer Meinungsfreiheit.

Wladimir Putin 2021 – Wikimedia

Putin hat seine Maske des leidlich kooperativen Präsident abgelegt und das, was seine Propaganda über Jahre weltweit vorbereitet hat, in Gang gesetzt. Schon seit Jahren bezeichnet er die demokratisch gewählte und von der Bevölkerung in der Ukraine in weiten Teilen unterstützte Regierung als korrupt und nazistisch, der Präsident Wolodimir Selenski sei eine “drogensüchtige Marionette von Nazis”, dabei ist er ein Jude, der sein Land heldenhaft verteidigt und Tag für Tag beweist, dass man weiter vom Nazitum nicht entfernt sein könnte.

Ich habe den Eindruck, dass Putin glaubt, was seine eigene Propaganda seit Jahren behauptet. So groß ist die Angst vor dem eigenen Machtverlust, wenn demokratische Prozesse die Macht relativieren und kontrollieren, dass er in seinem Vorgarten so etwas nicht haben möchte. Zu leicht könnte der Funke der Freiheit auf sein Land überspringen.

demonstrations in solidarity with ukraine
Photo by Sima Ghaffarzadeh on Pexels.com

Das Ende aller Diktatur

Sollte es so kommen, dann könnte es Putins von Oligarchen gestütztes Russland ergehen wie der Sowjetunion damals: Das Ende kommt viel schneller als gedacht und die Geschichte schlägt erbarmungslos zurück. Die Sowjets konnten kein System der Unterdrückung aufrechterhalten und über Kurz oder Lang wird es Putin ebenso ergehen, wie lange auch immer er sich seine Amtszeit erträumt.

Bis dahin allerdings, wird er in seiner Angst leben und die Welt in Schrecken versetzen. Durch die Drohung mit Atomwaffen, mit der Verhaftung jeder demokratischen Regung im eigenen Land und vor Allem mit der Besetzung der Ukraine, nähert sich Putin dem Ende seiner Herrschaft.

Was danach kommen mag, ist gänzlich unklar. Ich fürchte, was Demokratie betrifft, darf Russland noch eine Menge lernen. Bislang sehnt man sich nach dem starken Herrscher, der sagt, wo es lang gehen soll.

Bild von EliElschi auf Pixabay

Erst wenn das überwunden ist, kann sich das Land von all den Diktaturen befreien, die es in seiner Geschichte hatte.

Auf dem Weg dahin könnte das Ende des Krieges um die ukrainischen Herzen helfen, den die Russen mit ihren Mitteln nicht gewinnen können! Mit Panzern, Raketen und Bomben überzeugt man nun einmal niemand, auf seine Seite zu wechseln.

Wenn Russland den Krieg verliert und die geschlagenen Soldaten zurückkehren, wünsche ich mir, dass sie in einer sich wandelnde Gesellschaft in Russland freundlich aufgenommen werden. Die Hoffnung der Afghanistan-Veteranen wurden damals schrecklich enttäuscht. Als Verlierer wird man im eigenen Land nun einmal nicht gerne gesehen.

Als Einwohner einer Stadt wie Pforzheim, die im 2. Weltkrief weitgehend dem Boden gleich gemacht wurde, kann man sich vorstellen, welch schreckliches Schicksal auf die Städte in der Ukraine noch wartet.

Aber zumindest eines wäre es ein Segen für Russland und die Welt, wenn die Niederlage Wladimir Putin von seinem Platz fegt: Der Internationaler Strafgerichtshof wartet bereits auf ihn.

Ich weiß es ist ein Traum, aber vielleicht wird er irgendwann wahr. Hoffentlich bald.

Quellen

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