Was ist Liebe? Oder: Als ich lernte eine Serie zu lieben…

Anders gefragt: Kann man außer anderen Menschen und kleinen süßen Tieren auch andere Dinge „lieben“?

Ich gebe zu die Frage ist leicht rethorisch, hat aber einen handfesten Hintergrund. Außer den genannten Dingen kann man sicher auch andere Dinge lieben: Topfpflanzen, weniger niedliche Haus- und andere Tiere, Farben, Schauspieler, Musik und komische kleine Dinge, die man in Setzkästen sammelt.  Wahrscheinlich noch vieles mehr. Überhaupt sind es oft die kleinen Dinge an die wir unser Herz hängen.

Für alle Fälle AmySeit ein paar Tagen bin ich wieder einmal dabei eine alte Fernsehserie, die ich aufgenommen habe, anzusehen. Die Serie heißt „Für alle Fälle Amy“. Sie lief vor ein paar Jahren und seither immer wieder auf Vox. Sie hat 138 Folgen und ich habe sie alle. Ich liebe diese Serie, so weit man eine Fernsehserie überhaupt lieben kann. Im Gegensatz zu allen anderen Serien, die ich je gesehen habe, sind ihre Charaktere plastisch, glaubwürdig und ohne falschen Pathos.

Um was geht es?

Die frisch getrennt lebende Juristin Amy Madison Gray wird an das oberste Jugendgericht in Hartford, Connecticut als neue Richterin berufen. Zuvor lebte Sie mit ihrem noch Ehemann David Cassidy in New York und war Anwältin an der Wall Street. Nun lebt sie bei ihrer Mutter Maxine, die verwitwet und mit Leib und Seele Sozialarbeiterin beim Jugendamt ist. Eigentlich sollte sie schon in Pension sein, aber ihr Herz für die armen gequälten Kinder bringt sie zurück ins an ihre alte Wirkungsstätte. Amys Tochter Lauren Cassidy kommt in die erste Klasse. Dann sind da noch Amys Bruder Peter Gray und seine Frau Gillian, die erfolglos versuchen ein Kind zu bekommen und außerdem gibt es den Bruder Vincent, ein Schriftsteller mit Schreibblockade, der seinen Lebensunterhalt mit Hundewäsche verdient und ein wenig wie das kreative schwarze Schaf der Familie erscheint. All diesen Unterschieden zum Trotz treffen sich alle regelmäßig in Maxins Haus und haben am Leben der jeweils Anderen Anteil. Dabei geht es laut und lebendig, meist liebevoll, niemals jedoch bösartig zu. Das ist in etwa die Ausgangssituation der Serie. Vordergründig geht es immer um Fälle des Jugendgerichtes und des Jugendamtes – daneben spielt das Privatleben der Protagonisten eine bedeutende Rolle. Oft greifen die Geschichten über den einen Rahmen in den anderen oder konterkarieren das Geschehen der anderen Ebenen. Dadurch hebt sich diese Serie grundlegend von anderen Fernsehserien ab. Sie hat wirklichen Tiefgang.

Vom Produktionstechnischen her betrachtet ist die Serie hervorragend gemacht. Immer tolle Bilder, einfühlsame, oft prominente Musik, mal als Schlusspointe oder mal als Schlussakkord, herausragende Schauspiele bis hin in die Nebenrollen. Hier wurde sich bis in die letzten Details Mühe gegeben.

Aber das alles ist nicht der Grund für meinen Artikel. Ich habe mich gefragt warum ich diese Serie ansehe und so ein warmes Gefühl in mir entdecke. Ich lächle und leide, ich bin ängstlich oder euphorisch – je nach dem, was gerade passiert in der Serie… Die Geschichten, die erzählt werden, berühren mich persönlich. Sie sind schlicht glaubwürdig.

Sehe ich Parallelen zu meinem Leben? Ja und nein – Maxine und meine Mutter … ich meine, das Bild der liebenden, behütenden und dennoch sozialen und verantwortlichen Mutter findet sich bei Beiden, mag sein. Und Vincent als Prototyp des gescheiterten Intellektuellen als mahnendes Bild meiner selbst? Gillian und Peter als Hannah und Peter? Nein, zu wenig Gemeinsamkeiten. Ein paar Dinge sind aber offensichtlich. Amy ist geschieden und streitet sich mit ihrem Ex-Mann um die gemeinsame Tochter. Ihr Bemühen das Beste für ihre Tochter Lauren zu entscheiden und in ihrem Sinne zu handeln, ungeachtet der Konsequenzen für die eigene Person, ist mir immer ein Vorbild gewesen. Interessant ist, dass, so groß(artig?) Amerika auch ist, seine Städte nicht alle so gigantisch sein müssen. Das in der Serie als Ort der Handlung verwandte Hartford etwa, ist knapp größer als Pforzheim. Es hat ca. 124.000 Einwohner (Pforzheim 120.000). Das vermittelt mir möglicherweise eine vergleichbare Provinzialität. Die Nähe zu New York geht uns jedoch ab, wir haben da nur Stuttgart, dessen Provinzialität nur wenig kleiner, als die Pforzheims sein dürfte.

Nein, die eigentlichen Parallelen sind subtiler. Es geht mehr darum, wie und mit welchem Anspruch die Menschen miteinander umgehen, deren Familienleben hier dargestellt wird. Sie lieben einander bedingungslos und gehen auch so miteinander um. Dabei haben sie den gleichen Fehler wie auch wir ihn oft genug machen: Sie versuchen in aller Liebe für den anderen zu denken. Das ist immer selbstlos, aber nicht immer hilfreich. In der Serie, wie im wirklichen Leben.

Und noch etwas Anderes nimmt mich für diese Serie ein: Sie ist „bitter-sweet“. Süßer Humor mit bitterer Realität vermengt. Von Herzen lachen oder auch nur lächeln und dann vor Erschütterung sprachlos sein. Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Ich denke, das sind genügend Allegorien.

Jedem, der bis hier her gelesen hat, sei die Serien ans Herz gelegt. Sie ist unterhaltsam, nachdenklich und manchmal gerade so wie ihre Protagonistin: Ein kleines bisschen weise.

Sehenswert.


Verschiedene Webseiten zur Serie:

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